Zwei Stunden diskutierte auf Einladung des FAMAB eine Expertenrunde über Wettbewerbskultur, Preisdrückerei und das Tragen von Verantwortung.
„Wir rechnen als Messebau-Unternehmen schon gar nicht mehr damit, dass wir mit anderen Profilierungskriterien als mit dem Preis bei unseren potenziellen Auftraggebern punkten können“, sagt Claus Holtmann, Holtmann Messe+Event, Hannover, sarkastisch. Wolfram Lusche hatte zuvor beklagt, dass er als Auftraggeber mit „Günstiger“-Angeboten nur so zugeschüttet werde. “Über den Nutzen, die uns eine mögliche Zusammenarbeit bringt, wird kein Wort verloren. Wir werden weder auf einen Messestand eingeladen, den derjenige für ein anderes Unternehmens gebaut hat, noch wird erläutert, wie eine mögliche Zusammenarbeit aussehen könnte.“ Der Bayer-Mann ist enttäuscht: „Was es für uns kostet, wenn wir den Dienstleister erst einmal entsprechend briefen müssen, darüber denkt auch keiner nach.“ Auch für Dienstleister sei es notwendig, dass „wir langfristig mit unseren Kunden zusammenarbeiten“, sagt Uwe Ansorge, von der Münchner Design Company. Andernfalls sei es nicht möglich, Konzepte im Sinne der Kunden weiter zu entwickeln. „Es bedarf eines gewissen Zeitraums, bis wir einen Kunden mit all seinen Facetten verstehen.“ Und: „Es ist ungeheuer wichtig, dass die Arbeit fair abläuft. Die Fairness sieht man in der Qualität des Endprodukts.“
Das “Das-andere-Angebot-ist-günstiger“-Bestreben hat Rudolf Sommer, EnBW AG, Karlsruhe, praktisch gelöst: „Einkäufer und Controller kommen mit auf den Messestand - am letzten Aufbautag, um zu erleben, wie es ist, wenn der Puls gen 180 läuft, weil man nicht weiß, klappt es bis morgen früh, und den Adrenalinkick spüren, die Verantwortung für einen Messeauftritt zu tragen, bei dem möglicherweise etwas nicht klappt, weil man an dieser Stelle gespart hat ...“
Als Basisdemokratie wollten die Teilnehmer des FAMAB-Expertenforum die vielen Besprechungen und Entscheidungsebenen nicht verstanden wissen. Rudolf Pettenpohl, WeimarSteinbergVega, Langenzenn: „Jeder ist dann irgendwo in der Verantwortung, doch letztendlich hat sie keiner.“
Noch interessanter als das Thema Verantwortung ist für Ansorge das Thema Konsequenzen. Beispiel: Über Internetauktionen oder wie auch immer wird der günstigste Dienstleister für ein großes Projekt ausgewählt. In der Branche ist bekannt, dass er interne Probleme hat und diesen Auftrag dringend braucht, um ein bisschen flüssig zu sein. Er wird aber ausgewählt - und versagt. Das Projekt seht kurz davor, ein komplettes Desaster zu sein und wird nur durch viele Anstrengungen des Auftraggebers gerettet. Konsequenz: Keine. Im Gegenteil: die gleichen Dienstleister werden wieder beauftragt, der gleiche Marketing-Facheinkauf stimmt zu. Seine Wunschvorstellung: Eine Instanz in Unternehmen, die sagt, so machen wir das nicht mehr.
Noch auf einen anderen Aspekt wies Claus Holtmann hin. Er sei ja nicht nur Auftragnehmer, sondern viel häufiger Auftraggeber. „Eines Tages stellten wir fest, dass wir dabei waren, die Methoden unserer Kunden zu übernehmen beim Umgang mit unseren Dienstleistern. Wir reichen den Druck einfach weiter. Dabei basiert die Leistungsfähigkeit unserer Hinkrieger-Branche, die auf einen Fingerschnipp am Sonntagnachmittag durch einen brennenden Reifen springt, auf Partnerschaft.“
Wenn es nach einer Ausschreibung hart auf hart kommt, dann bekommt der bekannte Dienstleister wieder diesen Job, lautet die Erfahrung von Jörg Krauthäuser, facts+fiction, Köln. „Egal wie gut der andere ist, egal was für eine Qualitätssteigerung man vielleicht mit einem neuen Partner erreicht.“
Sommer hielt allerdings auch nicht mit Kritik hinterm Berg: „Wenn ein Messebau-Unternehmen alles noch billiger einkauft, auf Qualifizierung verzichtet und die Sachen weit im Osten produzieren lässt und glaubt, es sei toll und funktioniere, dann läuft etwas schief.“ Claus Holtmann kann da nur zustimmen: „Wir brauchen eine Erfolgsspirale nach oben und nicht eine nach unten, wie wir sie teilweise haben.“
Nicht Qualität koste Geld. „Pfusch kostet noch viel mehr Geld“, sagte auch Jörg Krauthäuser. “Ich bin überzeugt: Qualität bringt langfristig Geld.“ Dazu gehöre vernünftiges Umgehen untereinander. „Qualität kostet nicht Geld, Qualität bringt Geld. Krauthäuser: „Das ist nicht nur eine philosophische Betrachtung, es ist im Einzelfall nachweisbar.“
Aus der Sicht Uwe Ansorges gibt es kein höheres Gut als eine gut funktionierende Beziehung zu den Kunden. In einem waren sich alle Beteiligten des FAMAB-Expertenforums einig: In einen qualifizierten Dialog gelangen Auftraggeber und Auftragnehmer nicht über viele Ausschreibungen und Wettbewerbe.
Die ausführliche Dokumentation der Expertenrunde ist nachzulesen im FAMAB-Report. Bestellen können Sie das Heft kostenfrei per Mail unter info at famab.de?subject= Bestellung FAMAB-Report 05/06